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Re: bedenklich
24.05.2006, 20:31:42
meiner meinung sind online multiplayer spiele durchaus sehr suchtgefährlich. aus eigener erfahrung - ich hab gut 2 jahre meines lebens mit everquest und wow verbracht; an denen hab ich durchaus täglich ein paar stunden gespielt, wobei mit wow noch viel ärger wurde als mit eq.

meine story:
eq war mein erstes mmorpg. ich habs irgendwann als sonderangebot um 3 euro entdeckt, mit einem gratismonat. super, denk ich mir, mal schaun, wie das so is. kaum installiert komm ich drauf, dass man für das gratismonat zumindest eines bezahlen muss - also war der account schon mal 2 monate gültig. danach gings mit mir rapide bergab. uni+job zusammen sind schon stressig genug, noch ein mmorpg dazu, und mann muss etwas reduzieren. in meinem fall: natürlich uni+job. eq war zu dem zeitpunkt grafisch und spieltechnisch schon ziemlich veraltet, es waren also nur mehr spieler online, denen das spiel am herzen liegt, und keine, die nur probespielen wollen. die gilden bestanden schon seit ewigkeiten, und die spieler waren alle ziemlich erfahren. neue gabs kaum - insofern levelte ich dank der schnell gefundenen gilde sehr fix. die gilde war auch noch sehr klein, und die bindungen zwischen den spielern deshalb sehr eng - also kein powergaming, sondern eher der soziale aspekt stand im vordergrund. und ich hab mich, wie immer, ganz besonders in diesem bereich engagiert. schon bald war ich streitschlichter und organisator, weil ich einfach einen dicken pelz hab und viel einstecken kann ...

nur hat dann plötzlich der (etwa 50-jährige) gildenleader aufgrund von gesundheitlichen gründen aufgehört (er hat trotz tumor bis wenige stunden vor der operation online verbracht!), und in einem überraschenden akt die gildenführung mir übertragen, bevor er zu spielen aufhörte. dann wars sowieso vorbei, der aufgabe war ich nicht gewachsen, da konnte ich noch so viel zeit reinstecken. intrigen und streit übernahmen die überhand, sobald der allmächtige anführer nicht mehr da war (ich weiss, das hört sich alles sehr gruselig nach 3. reich etc an, aber er war kein diktator, sondern einfach nur einer mit führungskompetenz).

kurz darauf hab ich mich vom spiel verabschiedet - von einem tag auf den anderen, einfach nicht mehr eingestiegen, weil ichs nicht mehr ausgehalten habe. der druck war einfach zu groß, und besonders das schlechte gewissen, dass ich wegen des erschreckend geringen erfolgs auf der uni hatte, führten dazu. ausserdem ging meine beziehung in der zeit in die brüche, weil meine freundin der meinung war, ich hätte nicht mehr genug zeit für sie (auch wenn ich ihr eq verheimlichte und nie in ihrer anwesenheit spielte oder es ihr gegenüber erwähnte).

ein interessanter aspekt, der mir aufgefallen ist: über 50% der spieler unserer gilde waren erwachsene spielerINNEN, die sich von zeit zu zeit verabschiedeten mit den worten: "ich muss nur schnell meinen sohn vom fußball abholen", etc. sie waren auch die, die am meisten zeit ingame verbrachten, die größte erfahrung hatten, etc.
auch der klassiker, dass einer der spieler, hauptberuflich fernfahrer, seinen job aufgab, um mehr spielen zu können - bei uns in der gilde ist es passiert. oder pärchen, die sich öfters online als offline dateten ...

etwa ein halbes jahr später kam wow raus, und der ganze teufelskreis begann von vorne (bis auf den fakt, dass ich mich diesmal nach kräften wehrte, zum gildenleader befördert zu werden, auch wenns mir mehrmals angeboten wurde). es wurde sogar noch schlimmer - oftmals mehr als 8 stunden am tag gespielt, der rekord lag bei 44 stunden am stück, bevor die wöchentlichen wartungsarbeiten den marathon beendeten. die uni wurde wieder auf ein minimum reduziert. treffen mit freunden etc. wurde auf ein minimum reduziert, - es war mir einfach nicht möglich im biergarten zu sitzen, und nichts zu tun. alle meine restlichen interessen waren von einem tag auf den anderen nicht mehr existent. mein essen bestand zumeist aus spaghetti, pizza und anderen fertiggerichten, ich erlebte fast jeden tag den sonnenaufgang, - allerdings nicht, weil ich so früh aufstand ... oft wollte ich nur schnell ins auktionshaus schaun, und hielt mich dann wieder stunden ingame auf. es war wieder wie everquest, nur noch intensiver, da das spiel einfach noch besser und fesselnder war. zuhause gabs auf den parties unter den männern kein gesprächsthema neben wow - jedes gespräch über autos, frauen, sex, job, etc - alles kippte nach wenigen minuten um wieder zu wow zurückzukehren.
irgendwann gings dann wieder gleich wie bei everquest. auslöser diesmal waren wieder unstimmigkeiten in der gilde, und das faktum, dass ich nicht mein halbes wochenende im molten core verbringen wollte, weil die gilde nur dann zeit hat ... wieder von einem tag auf den anderen einfach nicht mehr eingeloggt. nach einiger zeit hab ich dann den account einem freund gegeben, der das spiel nur ausprobieren wollte, jetzt statt mir hooked ist.

ich hab in dieser zeit zwar viel geld gespart, weil ich nicht mehr fortging, aber danach - etwa 8 monate später, musste ich fast alle meiner verwahrlosten freundschaften wieder neu aufbauen. ich hatte fast 1 jahr lang keinen sex ... und auf der uni bekam ich viel streß, das geforderte minimum noch zu erreichen.
mein vater sagte immer:
"suche die schuld dort, wo du die größte unschuld vermutest"
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Re(2): bedenklich
24.05.2006, 20:33:12
sucht? eindeutig. multiplayer-onlinerollenspieler sind meiner meinung nach die am meisten gefährdeten, da hier oft anwesenheitspflicht herrscht, und man nicht so einfach aus dem spiel aussteigen kann - und gäste eine dreiviertelstunde warten müssen, weil man seine gruppe in einer instanz nicht einfach im stich lassen kann. im gegensatz zu zb. counterstrike gibt es hier einen spielimmanenten sozialen aspekt (nicht nur über externe gilden). ausserdem fällt es einem leichter, längere zeitspannen ohne unterbrechung spielen zu können, da es immer wieder kürzere wartezeiten gibt (44 stunden lang quake geht zb. sicher nicht).
ich erlebe sogar hier und da rückfälle, in denen die lust am spiel unerwartet auftaucht und ich mich eben nur mal kurz einlogge, und 2 stunden später einen neuen charakter auf level 10 habe.
glücklicherweise hab ich diesmal einen wirksamen abwehrmechanismus: wenn der neue accountbesitzer spielen will, dann muss ich raus.


hier mein fazit: spielen kann definitiv süchtig machen. ich spiele gern, wenn auch nicht besonders viel, ausser ich verfalle einem spiel - dann hör ich nicht mehr auf, bis ichs fertig hab - was bei einem onlinemmorpg natürlich jahre dauern kann, während die meisten singleplayergames in wenigen tagen geschafft sind (bei büchern gehts ma ähnlich). ich hab wow sehr gern gespielt, und ich verteufle computerspiele keinesfalls - ich bin damit aufgewachsen, und trotzdem ein recht ausgeglichener mensch geworden (und meiner meinung auch ein nicht allzu unangenehmer zeitgenosse).

aber die gefahr der computerspielsucht ist real und heute aktueller denn je, und es wird von jahr zu jahr schlimmer werden, wenn das problem nicht als solches erkannt und ernst genommen wird.

die mehrheit der menschheit betriffts nicht - entweder sie haben kein interesse an computerspielen, oder sie haben einfach nicht die lust/angewohnheit, sich allzu sehr in ein spiel zu vertiefen. aber eine kleine zahl an personen ist extrem suchtgefährdet, wie auch bei jeder anderen ... naja ... droge? alkohol schadet in geringen mengen auch nicht.

lösungsvorschlag kann aber auch ich keinen anbieten. die chinesische lösung, eine stundenbegrenzung pro account, finde ich wegen meiner persönlichen erfahrungen gar nicht mehr so abwegig, auch wenn ich es früher als eklatante beschneidung der persönlichen freiheit abgelehnt hätte. aber dann kauft man sich eben mehrere accounts und spielt mehrere chars parallel.
eine andere möglichkeit wär, das grundlegende design der spiele dahingehend zu ändern, sodass es nicht mehr auf die investierte zeit ankommt, sondern mehr auf den skill des spielers (wie es bei guild wars der fall sein soll, aber das hab ich nie gespielt). aber geht das? man kann auch das alkohol-problem nicht aus der welt schaffen, indem man die brauereien verpflichtet, nur mehr alkoholfreies bier rauszubringen.

also, allgemeinlösung gibts (wie bei allen anderen problemen auch) einfach keine. aber aufklärung über das problem würde meiner meinung nach viel helfen - dann können zumindest freunde und bekannte etwas dagegen tun, und spieler würden ihre eigene abhängigkeit nicht mehr so bestreiten, wenn deren existenz ein anerkanntes faktum wäre.
leugnen hilft nix. rauchen ist ungesund, zu viel alkohol ist ungesund, geschwindigkeitsräusche sind ungesund, übermässig viel sport ebenfalls - und computerspielen bildet keine ausnahme.
wenn man erst mal einige jahre spielt, irgendwann hört man doch auf - und dann steht man vor dem nichts, keine bleibenden werte sind erhalten, keine erfahrungen fürs leben gesammelt, keine der virtuellen reichtümer auf dem realen konto geblieben (naja, das noch am ehesten, wow spart wirklich einen haufen geld. die 15 euro monatlich stehen in keinem vergleich zu dem, was man sich an sozialen ausgaben (wie zb. fortgehen) spart).

insofern appeliere ich an alle betroffenen - und betroffene wissen, dass sie es sind: verteidigt die sucht nicht, ignoriert sie nicht. überdenkt eure situation einmal und beschäftigt euch damit. denkt nach, ob es das wirklich wert ist.
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"suche die schuld dort, wo du die größte unschuld vermutest"
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